KEN WILBER Vorabdruck im TAU Magazin

Im Jahr 2018 habe ich im Rahmen meines Bewusstseinsprojektes WEGE ZUM SELBST am LOFT EVENT des integralen Philosophen Ken Wilber in Denver, Colorado teilgenommen.
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KEN WILBER Vorabdruck im TAU Magazin

Im Jahr 2018 habe ich im Rahmen meines Bewusstseinsprojektes WEGE ZUM SELBST am LOFT EVENT des integralen Philosophen Ken Wilber in Denver, Colorado teilgenommen.

WAKING UP GROWING UP

Roman Pachernegg interviewt Ken Wilber


Im Jahr 2018 habe ich im Rahmen meines Bewusstseinsprojektes WEGE ZUM SELBST am LOFT EVENT des integralen Philosophen Ken Wilber in Denver, Colorado teilgenommen. Abgesehen von den überzogenen Teilnahmegebühren und der Frage, ob es das Seminar an sich wert war, hat mir die Teilnahme die besondere Möglichkeit eröffnet, einige Monate später ein ausführliches Interview mit Ken Wilber zu führen.

Es ist wohl sein gründlicher, unverklärter und oft auch poetischer Zugang zu mystischer Spiritualität, was mich seit Jahren am Menschen und Autor Ken Wilber begeistert. Mit Werken wie „Eros, Kosmos, Logos“ hat Ken Wilber eine vielleicht in ihrer Ganzheitlichkeit unübertroffene Landkarte des menschlichen Bewusstseins entworfen und den Übergang in ein integrales Paradigma mit-eingeleitet. Wenn wir es schaffen, den Feind nicht mehr im Außen zu suchen und zu bekämpfen (z. B. im Corona-Virus), sondern über den Prozess des Aufwachens (waking up) und Heranreifens (growing up) in eine tieferliegende und umfassende Wirklichkeit einzutauchen, stehen uns vollkommen neue Perspektiven, Entwicklungsschritte und Reaktionsmuster im Umgang mit uns selbst, anderen und dem Sein an sich offen.

Die folgenden Passagen sind Auszüge aus dem Filminterview mit Ken Wilber, das in der Gesamtlänge von ca. 70 Minuten auf der Plattform WEGE ZUM SELBST erhältlich ist.

Der erste Teil unseres Gesprächs ist dem „waking up“ gewidmet, also dem Prozess des Erwachens. So stelle ich Wilber die Frage, was eigentlich der Unterschied zwischen unserem gewöhnlichen Ich- oder Selbst-Empfinden und dem wahren Selbst oder absoluten Bewusstsein ist?

Ken Wilber:
Das ist eines der häufigsten Themen der großen Befreiungswege oder Wege des Aufwachens. Dabei besteht die grundlegende Entdeckung weltweit darin, dass der Mensch mindestens zwei verschiedene Identitäten besitzt. Eine davon ist ein fragmentiertes, leidendes, entfremdetes Selbst. Und das andere ist unser wahres Selbst, das erwachte Selbst, das wir wahrhaft und wirklich sind. In den meisten großen meditativen Traditionen wurden Praktiken entwickelt, die uns dabei helfen, unser Gewahrsein von der Identifikation mit dem kleinen, entfremdeten, begrenzten Selbstempfinden zu lösen, um unser wahres Selbst zu entdecken, unser wirkliches Selbst, das eins mit dem Urgrund des Seins ist. Dieses Erwachen erfüllt uns mit tiefer Sinnhaftigkeit, mit Glück und tiefer, tiefer Freude.

Wenn dich also jemand fragt: „Sag mir, wer du bist, beschreibe dich“, dann könntest du sagen: „Ich heiße soundso, ich bin soundso viele Jahre alt, ich bin so groß, wiege so viel. Ich habe einen Universitätsabschluss in diesem Studienfach, ich arbeite in diesem Beruf und verdiene so viel Geld. Ich habe keine Partnerin, keinen Partner, ich mag diese Art Filme, diese Art Bücher usw.“ Du beschreibst also das, was du für dein Selbst hältst.

Bei dieser Liste und in Bezug auf das Selbst, das du beschrieben hast, wird dir auffallen, dass es sich um Objekte handelt, die wir sehen können. Immer, wenn du nach Innen schaust und dich selbst beschreibst, dann betrachtest du dein Inneres als ein Objekt, das du sehen kannst, ein Objekt des Gewahrseins. Und dann beschreibst du, was es ist, und nennst es: Ich. Aber keines dieser Objekte ist der Beobachter dieser Objekte. Denn wer sieht das alles eigentlich, wenn du die Dinge beschreibst, die als Objekte durch dein Gewahrsein ziehen? Wer ist das wahre Subjekt, wer ist das wirkliche Selbst? So haben wir versehentlich unser wahres Selbst, das dieser reine Zeuge, der wirkliche „Seher“ ist, mit etwas verwechselt, das gesehen werden kann. So gut wie jede Weisheitstradition stellt der Menschheit diese Art der Diagnose, dass sie an einem Fall von falsch verstandener Identität „leidet“.

„waking up“ – ZUSTÄNDE DES BEWUSSTSEINS
An dieser Stelle geht Wilber näher auf die fünf grundlegenden Zustände unseres Bewusstseins ein, die für den gesamten „waking up“-Prozess essenziell sind.

Ken Wilber:
Wenn du mit einer Meditationspraxis beginnst, wirst du dich durch diese fünf Schritte bis hin zur dauerhaften Verwirklichung bewegen. Und jeder dieser Schritte umfasst einen bestimmten Bewusstseinszustand. Der tibetische Buddhismus, der Vedanta-Hinduismus und einige neoplatonische Traditionen nutzen dafür im Grunde genau das gleiche Modell. Es sind fünf Bewusstseinszustände, die als grobstofflich, subtil, kausal, Turiya und Turiya-Tita bezeichnet werden.
Ein Beispiel für das grobstoffliche Bewusstsein ist das typische Wachbewusstsein mit der Ego-Identifikation und der herkömmlichen Wirklichkeit. Ein subtiles Bewusstsein zeigt sich in meditativen Zuständen oder im Traum. Wenn wir tiefer in den Prozess des Schlafes gehen, zeigen sich keine Phänomene mehr, weil wir uns der Quelle nähern und so in einen tiefen traumlosen Schlaf eintreten. Hier sind wir nah am formlosen Urgrund. Dies sind also das grobstoffliche, subtile und kausale Bewusstsein. Darauf folgt der vierte Zustand, der auch einfach so genannt wird: Turiya, der vierte Zustand. Das ist der reine Zeuge, dein wahres Selbst. Das ist dein reines ICH-BIN, ohne dass es sich mit irgendetwas identifiziert, es ist das reine Zentrum des Gewahrseins. Das ist eine sehr wichtige Stufe in der Meditation. Dementsprechend haben die meisten Weisheitstraditionen den Zustand des Zeugen-Bewusstseins so definiert: Es ist das, was sich all der Bewusstseinszustände bewusst ist.

Das Erreichen des Zeugen-Bewusstseins wird oftmals auch als Ziel spiritueller Entwicklung formuliert – mit dem Gegenargument, dass man in diesem Zustand nur ein passiver und handlungsunfähiger Beobachter der Welt sei. Viele Menschen schrecken genau aus diesem Grund vor echter spiritueller Entwicklung zurück – weil ihnen das nicht erstrebenswert oder unverantwortlich erscheint. Wilber geht jedoch, indem er sich auch auf zeitgemäße Schulen des Buddhismus bezieht, einen Schritt weiter.

Ken Wilber:
Wenn wir weitergehen und uns tiefer hineinbegeben, dann wird auch der Zeuge verschwinden und wir werden eins mit allem, was wir bezeugen. Wenn wir in den fünften Zustand übergehen, der als Turiya-Tita bezeichnet wird – was „jenseits von Turiya“ bedeutet –, dann gehen wir über eine Dualität von Subjekt und Objekt hinaus. Im Zustand des Zeugen-Bewusstseins halten wir noch Abstand und beobachten alles, dieser Zustand wird auch als „absolute Subjektivität“ bezeichnet. Der höchste Zustand ist aber nicht subjektiv, auch nicht absolut subjektiv. Er wird als non-dual bezeichnet, es ist die Einheit von Subjekt und Objekt. Dieser Bewusstseinszustand ist nicht dualistisch, es gibt keine Trennung und keine Fragmentierung. Alle genannten Zustände sind grundlegend wichtig und es wird ersichtlich, dass der meditative Weg ein echter Entwicklungsweg ist, auf den sich Menschen begeben können, um verlässlich die Zustände höheren, reinen Bewusstseins, der absoluten Einheit und des „einen Geschmacks“ zu erreichen.

Aber was ist die Konsequenz einer derartigen Erfahrung des Erwachens (in der Folge auch Satori genannt)?

Ken Wilber:
Es ist so, dass, wenn ich oder du oder ein anderer Mensch diese Erkenntnis erfährt, es dennoch eine Erfahrung im eigenen individuellen Körper und Geist bleibt, und damit wird sich dieses erwachte Bewusstsein durch den individuellen Körper und Geist ausdrücken, um sich in der Welt zu engagieren. Ich meine, wenn du einen Satori-Zustand erlebst und davor eine Vorliebe für mexikanisches Essen hattest, dann wirst du danach noch immer mexikanisches Essen lieben, es ändert also nichts an dieser Art von Dingen. Und genauso wenig verändert diese Art des „Erwachens“ die speziellen Weltanschauungen dieser manifesten, objektiven Welt der dritten Person.
Die relative Wahrheit ist soviel wie „ja, die Erde dreht sich um die Sonne, die Erde ist nicht flach, Kohlendioxid besteht aus einem Kohlenstoff-Atom und zwei Sauerstoff-Atomen, Zellteilung funktioniert mit Hilfe der “ – das sind alles relative Wahrheiten, und diese sind alle äußerst wichtig, und ein Satori wird dir keine einzige davon erklären.

Aber was du im Satori-Zustand erkennst, ist, dass beide, sowohl Kohlenstoff und Sauerstoff, aus GEIST (Spirit) gemacht sind. Es ist dieser Urgrund allen Seins, der elementar wirklich ist, und das öffnet deine Identität hin zu jener höchsten Identität. Es reduziert die Menge an Angst und Schrecken in einem enormen Ausmaß, weil du eins mit allem bist, und da buchstäblich nichts mehr außerhalb von dir ist, was dich verletzen könnte. Nicht umsonst finden wir in den Upanischaden die Aussage: „Whereever there is other there is fear.“ Aber unser Problem in der modernen Welt ist, dass wir die gesamte absolute Wahrheit verdrängt haben und nun nur noch relative Wahrheiten haben. Das ist ein Desaster von größtmöglichem Ausmaß.

Wie kann ich mir sicher sein, dass es sich um eine Satori-Erfahrung handelt?

Ken Wilber:
Wenn du diesen Seinsgrund erfährst, weißt du es. Fast jeder, der eine solche Erfahrung gemacht hat, sagt darüber, dass es bei Weitem die tiefste und bedeutungsvollste Erfahrung seines Lebens war. Es scheint so, dass wir zu unserem wahren Selbst, unserer wahren Identität erwachen, denn so fühlt es sich an. Diese Identität scheint eins zu sein mit dem zeit- und raumlosen Urgrund allen Seins. So erfahren wir es. Aber wenn man diese Erfahrung nicht gemacht hat, wird man Berichten darüber wahrscheinlich nicht glauben. Gibt es diesen Urgrund allen Seins oder nicht? Wenn es ihn gibt, dann können wir ihn wahrscheinlich auch erfahren. Wenn es ihn nicht gibt, dann ist das Universum in der Tat nur ein beliebiges, zufälliges Chaos ohne Sinn, eine Geschichte, die ein Idiot erzählt, voller Lärm und Raserei, die überhaupt nichts bedeutet. Und wir sind frei zu wählen, welche Variante wir für uns als wahr ansehen. Aber die letztere Variante hört sich für mich ziemlich verrückt an.

Ein wichtiger Aspekt der integralen Theorie ist, dass „waking up“ und „growing up“ untrennbar zusammengehören. So bezieht sich „growing up“, das Heranreifen, auf die Entwicklungsstufen, die wir in unserem persönlichen und kollektiven Prozess durchlaufen. Diese Stufen gehen von archaisch über magisch/mythisch, rational, pluralistisch, integral bis hin zu super-integral und weiter. Warum sind diese beiden Bewegungen so entscheidend für unser Erleben von Wirklichkeit und wo finden Überschneidungen statt? (Anm.: Um weiterzuforschen findet sich u. a. im Modell der Spiral Dynamics eine ausführliche Beschreibung dieser Bewusstseinsstufen. Ebenfalls eine gute „Einfühlung“ und Übersicht bietet das Buch „Integrale Meditation“ von Ken Wilber.)

Ken Wilber:
Diese Entwicklungsstufen wurden erst vor relativ kurzer Zeit entdeckt, deshalb hat kein spirituelles System auf der Welt ein Verständnis für diese Stufen des Heranreifens. Das ist ein großes Problem, denn wir können auf jeder Stufe des Heranreifens eine Erfahrung des Aufwachens machen. Wir können also im Aufwachen sehr weit entwickelt sein, möglicherweise vollkommen erleuchtet, wie es einige Traditionen nennen. Aber wir können gleichzeitig auf einer niedrigen Stufe des Heranreifens leben, wie zum Beispiel auf einer ethnozentrischen Bewusstseinsstufe. Auch als fundamentalistischer Christ kann man so eine Erfahrung machen. Aber dann glaubt man, dass die Voraussetzung dafür ist, Jesus Christus als den alleinigen Retter zu akzeptieren. Für einen fundamentalistischen Christen ist es also unmöglich zu denken, dass ein Hindu in den Himmel kommt. Daran sehen wir, dass Aufwachen und Heranreifen unterschiedlich sind. Man kann in dem einen Bereich sehr weit entwickelt sein und sehr unentwickelt in dem anderen Bereich. Und das ist eine Katastrophe. Weil die Stufen des Heranreifens erst vor etwa 100 Jahren entdeckt wurden, gibt es kein Praxissystem oder Denksystem, das beide Bereiche umfasst. Das bedeutet, dass wir uns absichtlich dazu trainiert haben, als gebrochene Menschen zu leben. Wir erkennen zwar, dass Menschen durch Stufen des Heranreifens gehen. Aber im Alter von 18 Jahren ist plötzlich jeder und jede gleich, Unterschiede sind nicht mehr erlaubt. Wir leben in einer radikal egalitären Welt, aber auch Erwachsene wachsen weiter und können sich in höhere und inklusivere Stufen hineinentwickeln.
Was ist für dich der Kernaspekt der integralen Theorie und wie können wir sie gesellschaftlich einsetzen?

Ken Wilber:
Im Prozess des Heranreifens erfahren wir eine tiefe Freiheit, denn jede Stufe fügt eine neue Perspektive hinzu, somit gibt es auf jeder weiteren Stufe eine umfassendere Freiheit. Wir können mehr Aspekte der Wirklichkeit sehen und damit erhöhen sich auch unsere Entscheidungsoptionen. Dies ist eine wichtige Form von Freiheit, aber diese Freiheit des Heranreifens ist weiterhin ein Teil der relativen Wahrheit. Im Aufwachen finden wir eine wahrhaftigere, absolute Freiheit. Das ist jene Freiheit, die nicht aus einer bestimmten Perspektive innerhalb der Welt kommt, sondern aus einer grundlegenden Erfahrung der Einheit mit der ganzen Welt – egal, was geschieht.

Diese Einsicht ist ein großer Wandel in unserem Verständnis von Spiritualität. Die Evidenz in beiden Bereichen ist überwältigend: für das Erwachen zum Urgrund allen Seins und für das Heranreifen durch verschiedene Entwicklungsstufen. Einige der Modelle des Heranreifens wurden in mehr als 40 Ländern untersucht, unter anderem im Regenwald bei Stämmen des Amazonas, bei den Aborigines Australiens oder auch mit Universitätsprofessoren. Dabei wurden keine Ausnahmen von diesen wichtigen Entwicklungsstufen gefunden. Sie sind also real, und das verändert unseren Blick auf den Menschen völlig.

Gesellschaftlich ist es unsere Hauptaufgabe, Gesellschaften zu schaffen, die für die größte Anzahl von Menschen das bestmögliche Leben gewährleisten können. Und dazu gehört heute, den Menschen dabei zu helfen heranzureifen und aufzuwachen. Wenn wir das nicht tun, dann leugnen wir Kernaspekte des Menschen. Wir wenden uns vom Menschen ab und ignorieren unsere Menschlichkeit. Und das hat katastrophale Folgen.

Was ist auch nach so vielen Jahren der Antrieb hinter deiner Arbeit?

Ken Wilber:
Der zentrale Impuls meiner Arbeit besteht darin, die Tatsache zu vermitteln, dass, allgemein gesprochen, jeder recht hat. In diesem Universum gibt es Platz für alles. Und wir werden glücklicher, wenn wir dieses Alles umarmen, und wir werden umso unglücklicher, trauriger und depressiver, je enger, begrenzter, fragmentierter wir werden.

Je mehr dies geschieht, je weniger Dinge außerhalb von uns sind, die uns verärgern, verletzen oder deprimieren können, umso glücklicher werden wir, denn wir umarmen immer mehr Aspekte der tatsächlichen Wirklichkeit. Das ist ein völlig anderer Ansatz: „Wie viel kann ich umarmen?“ statt „Wie kann ich zeigen, dass meine eigene Sichtweise richtig ist und alle anderen im Unrecht sind?“ Und diese trennende Haltung finden wir in fast jeder Disziplin. Das ist Wahnsinn. Deshalb besteht mein wichtigster Antrieb darin, diese integrale Perspektive zu vermitteln. Und es ist wunderbar zu sehen, dass Menschen die Wichtigkeit solch einer Perspektive verstehen und sie selbst umsetzen und dazu beitragen, die Umarmung immer größer werden zu lassen. Das scheint wirklich der Fall zu sein.

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